Das machen doch alle so…

Das machen doch alle so…

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile…wie wahr, wie wahr…

Vor mehr als 30 Jahren machte ich meine erste therapeutische Erfahrung, in Köln.
Im Osho UTA Institut, Primal = Primärtherapie. Eine sehr aufregende Woche. Very exciting!!!
Wir sollten ein Tagebuch über unsere Erfahrungen führen, es sollte auch einen Titel bekommen. Meinem gab ich den Titel: „Mein ungelebtes Leben.“ Was mir in der Erinnerung viel bedeutsamer erscheint, als dieser Titel, war mein damaliger begleitende Gedanke: „Naja, so ist es halt. Niemand lebt doch sein Leben. Das machen doch alle so.“
Dieser Gedanke reflektierte mein Bewusstsein zu diesem Zeitpunkt. Die Normalität war bereits mein Nest, in dem sich meine Seele so unwohl fühlte.

In dem Film „Kramer gegen Kramer“ beschreibt es Meryl Streep so schön, diese Entfremdung vom Eigenen. Ihre Figur/Joanna sagt: „Ich war die Frau von jemandem, die Mutter von jemandem, die Tochter von jemandem.“
Sie steigt aus den Rollen, weil sie keinen Kontakt mehr zu sich hat. Sie funktioniert nur noch.
Ihr Ehemann/ Dustin Hoffman sagt in einer Szene zu ihrem gemeinsamen Sohn: „ …weil ich sie von Anfang an nicht so genommen habe, wie sie nun mal ist. Ich wollte unbedingt aus ihr eine Andere machen.“
Ja. Besser kann man Konditionierung, Erziehung nicht formulieren, finde ich.
Schön, wenn diese Verdrehungen irgendwann erkannt werden, meist ausgelöst durch Lebenskrisen.
Oft ist es die Not, die uns wieder wendig und beweglich macht.
In dem unfruchtbaren Versuch, sich Bestätigung für sich selbst im Außen zu holen, hungert der wesentliche Teil von uns. Der Same.
Ja, wo ist er denn, der Same?
Genau kann ich das auch nicht sagen aber er äußert sich in der inneren Stimme, in einer atmenden Bewegung im Herzen, in einer unwillkürlichen Entspanntheit, in einem Sehnen, sich hingezogen fühlen.
Eigentlich alles kein Problem, wenn da nicht schon identifizierte Ideen von sich selbst bestünden. Nationalität, Geschlecht, familiäre und gesellschaftliche Zugehörigkeit, Bildungsgrad, Gewohnheiten auf allen Ebenen.
Das ist die Festung, die sichere Burg und dann kommt da so ein Same daher, völlig unkonditioniert, und strahlt etwas aus in uns, dass die bestehende Identität überhaupt nicht kapiert, nicht einordnen kann aber sehr wohl wahrnimmt.
Das Problem ist: Der Same ist mächtige Natur und da kann angenommene Kultur nicht anstinken gegen.
Leben heißt Gedeihen auf allen Ebenen ohne dass wir uns ein Bild davon machen wie es auszusehen hat.
Bei dieser Aussicht kann man schon leicht ins Schwitzen kommen.

Ich glaube, keine aktuelle Gesellschaft ist so aufgebaut, dass sich die Einzigartigkeit eines Menschen so ausprägen kann.

Ich bin davon überzeugt, dass der Same eine Tatsache ist, die wir Menschen bisher nicht integriert haben. Es gibt Mystiker, Heilige und Gurus, die sich hingegeben und auch das Rüstzeug dafür hatten, den Samen in sich aufgehen zu lassen. Aber wer ist das schon und, noch wichtiger, wer traut sich? Denn: Man wächst mit seinen Aufgaben. Auch klar.

Fazit: Von jetzt auf gleich aus der Festung zum Samen halte ich für illusionär, Schritt für Schritt finde ich generell besser und gesünder. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Jedoch halte ich viel von umfänglicher Aufklärung über das multikomplexe, interaktive System Mensch und Universum. Darüber fehlt uns eine Menge an Information.

Alle Menschen wollen gesehen werden in ihrer Komplexität, das ist ein natürlicher Bedarf.
Wenn dieser gestillt ist, ist Menschsein ein Ausdruck von Güte.
Daran glaube ich.

Schreibe einen Kommentar