Gewissen

Gewissen

Gestern habe ich mit einer Freundin telefoniert. Ein Satz von ihr rockte mich. Eine ganz einfache Aussage:
Wer ehrlich ist, ist spirituell.“
Wahr, wahrer geht´s nicht. Ich denke an die vielen spirituellen Konzepte, an die Yoga-Leute mit ihrem Scheingehabe, das gleiche gilt für die orthodoxen Buddhisten, an die grünen Gut-Menschen, an die Supergesund-Ernährer, an die Astrologie-Anhänger, Satsang-Devotees und wie sie nicht alle heißen.
Wohlgemerkt, liebes Lesewesen, ich meine die Unechten.
Zu den naiven Gut-Menschen: Über Gunther Schmidt kam ich in den Genuss eines Erich Kästner Zitats:
„Wer das, was schön war, vergisst, wird böse.
Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.“
Wie wahr, wie wahr!!!
Der Überbau ist nicht die Wahrheit, im Gegenteil, er isoliert mich von der Wahrheit und was führt mich zur Wahrheit? Die Ehrlichkeit und sie führt mich und jedes menschliche Lebewesen in die relative Wahrheit.
Ich weiß wovon ich schreibe…vom Überbau zur Ehrlichkeit in meinem Leben.
Ich erzählte ihr, dass ich in der letzten Zeit alte Krimiserien aus meiner Jugend anschaute. „Der Kommissar“, „Der Alte“ mit Siegfried Lowitz oder das „Kriminalmuseum“.
Ich: “Wenn ich diese Folgen anschaue, dann habe ich das Gefühl, dass es dort noch eine Ethik gab, einen Handlungsrahmen in dem sich Gut und Böse klar unterscheiden konnten. Irgendwie war da noch die Welt in Ordnung…“
Sie: „Ja, da gab´s noch ein Gewissen.“ Genau, da waren wir noch nicht so seelisch verwahrlost, wie wir es heute sind.
„Wie geil ist das denn ?“ dachte ich und sprach es ungefähr so aus.
Genau, wann sprechen wir oder wann hören wir heute noch:
„Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.“
„We must learn to join our love of work with the love of higher things, mustn`t we?“
Das war die Kernaussage – ein Zitat aus Tschechow´s Stück „Drei Schwestern“ – einer Laudatio des Schauspielers Willem Defoe für den Regisseur Martin Scorsese, für seinen Blick auf das was wahr ist.

Was braucht der Mensch, um ein Gewissen zu entwickeln und was braucht ein Lebewesen um seinem Gewissen folgen zu können?
Hat jemand eine Ahnung ?
Letztens war ich in einem Bio-Lebensmittelgeschäft. Im Laden angekommen, vernahm ich das Schreien eines Säuglings . Schrecklich für mich dies zu hören, weil so ein kleiner Mensch keine andere Äußerungsmöglichkeit hat und Erwachsene oftmals nicht wissen, was das kleine Wesen so erschrickt. Also bewegte ich mich zur Quelle des Geräusches. Was ich sah, ließ meinen Zorn sofort hochkochen. Das Kind, seit ca. 6 Monate auf diesem Planeten, lag auf dem Rücken in seinem Kinderwagen – wie in einem Sarg, eine Beobachtung des Kinderarztes Renz–Polster – und die Mutter vertieft in das Kosmetik-Sortiment, mit dem Rücken zum Kind. Da sehe ich rot, mir fällt nichts mehr ein, vor allen Dingen fällt mir nichts Kommunikationsförderndes mehr ein.
Ich schreibe lieber nicht, was mir dann durch den Kopf schoss. Also ging ich nur zum Kinderwagen und suchte mit meinen Augen einen Kontakt mit dem Kind herzustellen.
Von einer Gewissenslast bedrückt verließ ich dann das Geschäft, immer wieder meinen Blick auf die Szenerie gerichtet. Zumindest befand sich das Kind jetzt in den Armen der Mutter.
Früher konnte ich mich abwenden und Öl auf meine Gewissenswogen schütten, heute ist das unmöglich für mich.
Ich weiß, dass Angst als eine legitime Ausrede gilt das Gewissen auszuschalten und ich weiß auch, dass die Wand der Angst nur eine Wand ist und nicht das Ende des Raumes.
Was hindert mich daran, meinem Gewissen zu folgen?
Ich beschloss, John de Ruiter zu fragen. Wer ist John de Ruiter? Er ist für mich der ehrlichste Mensch, dem ich jemals begegnet bin. Er hat mich wachgeküsst. Das ist eine Metapher, liebes Lesewesen. Sein Credo ist: Honesty is the way. Auf eine Frage, was „honesty“ sei, antwortete er: „There are no buyers.“ Unbestechlichkeit. No money, no honey, gelle?!
Hier in unserer Welt gilt er als Satsang-Lehrer. Ich kann allerdings mit Meister, Lehrer, Guru, Vater oder anderen Autoritätsgestalten nichts mehr anfangen. Das „Tu du es für mich – Spiel“, wie mein „Stadtschamane“ dies nannte.
Vor so einem Gespräch gehe ich gewöhnlich in mich und checke erstmal was ist die Angelegenheit um was geht’s eigentlich? Also ging ich in meinen ersten Impuls: Das Baby schreit ergo ist es hilflos ergo bin ich da. Logisch.
Ich sehe die Situation und unwillkürlich bekomme ich einen dicken Hals. Interessant.
Warum bleibe ich meinem ersten Impuls nicht treu, warum lasse ich mich ablenken? Ich lasse mich von meiner Aggressions-Illusion ablenken. Ich entferne mich innerlich von meinem Impuls, von meinem Helfer der Aggression, denn aggredi heißt sich nähern, und laufe gegen meine Wand, meine Angst.
Was ist denn meine Angst ? Gute Frage ! Meine Angst ist, wenn ich sage was ich wirklich denke, dann bin ich allein, draußen vor der Tür, raus aus der schützenden Gruppe. Entweder du spielst mit oder fliegst raus. Das gilt für jede oberflächliche Gruppendynamik. Ich persönlich stehe auf gar keine Gruppe, weder national, politisch, spirituell noch beruflich. In dem Beitrag über Aivanhov- In die Stille gehen – gibt es einen link zu einem Video mit Andrea und Veit Lindau. Er sagt dort, dass er wegen einer Beziehung nicht auf sein Leben verzichten möchte. Ich liebe dieses Video, weil hier eine Beziehungsebene angesprochen wird, die wir alle kennen: Wenn du nicht so funktionierst, wie ich es möchte, dann sind wir geschiedene Leute. Das ist irre. In einer narzisstisch gestörten Gesellschaft, wie der unsrigen, funktioniert Beziehung oft unter Druck. Ein narzisstisch gestörter Mensch will Publikum aktiv oder passiv und keinen Partner. Logisch kenne ich diese Verdrehungen auch von mir. Jedoch beginne ich, mich immer mehr auf den stabilen, wie soll ich sagen, Ehrlichkeitskohärenz-Faktor eines Menschen und das bin erstmal ich, zu beziehen. Wenn ich bis in die Tiefe meines Selbst – bildlich gesprochen – unter meinen Füssen, durch meinen Körper, auf allen Ausdrucksebenen meines Menschseins dem treu bleibe, was sich zeigt in mir – in der Regel findet die gesellschaftskonditionierte Persönlichkeit das am Anfang alles andere als gut – dort will ich sein. Das ist nicht nur einfach aber wer redet denn davon?

Angst und Aggression haben dieselbe Wurzel wird behauptet.
„Jeder Mensch hat in sich ein evolutionär sehr altes System, das ist das Angst- und Aggressionssystem, das ist ein primitives Überlebenssystem, das ist leider ohne Schulabschluss, das ist sehr leicht ansprechbar und sehr leicht manipulierbar.“ Joachim Bauer
Ich habe nicht mit John gesprochen und doch bekam ich Hilfe durch ihn, durch seine tiefe Aufrichtigkeit. Und ich habe durch mein In-mich-Gehen, meine eigenen Ressourcen aktiviert.
„Rest in your heart despite an agitated nervoussystem“ Stimmt, da muss man aber erstmal hinkommen.
Also, weiter morgens den ersten beiden Meditationen reglos lauschen im body-scan von der CD aus „Achtsamkeitstraining“ von Mark Williams.
Das war´s für heute, liebe Leute

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Cornelia

    Gewissen!

    Ich höre das Baby schreien.
    Ich lasse mich aus meiner Ruhe bringen und folge dem Schreien.
    Warum tue ich das? Was hat das Schreien mit mir zu tun?
    Warum schicke ich Aggressionswellen an die Mutter? Die vielleicht nur schnell den Lippenstift heraus suchen möchte?
    Warum identifiziere ich mich mit dem Baby und nicht mit der Mutter?

    Das Baby wurde mir nicht anvertraut.
    Ich mischte mich in etwas ein, was nicht meine Aufgabe war.
    Nun bin ich aufgewühlt.

    Wohin nun mit meiner inneren Aufgewühltheit?

    Geh in Deine tiefste innere Stille und spüre nach, was Dein Gewissen Dir jetzt sagen möchte.

    Vielleicht hat es einfach nur ein tiefes inneres, sanftes und liebevolles Lächeln für Dich.

    1. Barbara

      Doch, es wurde mir auch anvertraut, weil ich da bin. Ich bin aufgewühlt, weil ich meinem Impuls nicht treu geblieben bin. Ich bin in meinem alten Ohnmachtsgefühl hängengeblieben und das ist kindlicher Herkunft. Daher bin ich insgesamt eher auf der Seite der Kinder und das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich nie Mutter war.
      Mir geht´s eigentlich darum, mir meine Impulse nicht auszureden, sondern dabeizubleiben und ihnen einen adäquaten Ausdruck zu geben. So sehe ich es zumindest und es ist bestimmt nicht die letzte Wahrheit….
      Danke für deinen Kommentar, Cornelia

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